Mama..
Ein persönlicher aber notwendiger Brief!
Mama, Du warst der Mensch für mich, den sich jeder als Mutter nur hätte wünschen können. Du hast mir Werte der Nächstenliebe vorgelebt und mir bedingungslose Liebe geschenkt. Du warst mein größter Fan und Deine Kritik mir gegenüber war klar aber respektvoll. Alle Deine Worte und Ansichten im Leben waren gut überlegt und reflektiert. Du warst meine Göttin und wunderschön dazu. Mein Bestreben war, einmal so zu werden, wie Du. Ich wollte die Welt mit Deinen Augen sehen und ordnete mich unter, auch wenn Du es niemals verlangt hättest. Im Gegenteil! Dein Bestreben war, mich werden zu lassen, wer ich bin.
Als Du starbst, war ich Frau, Mutter, Unternehmerin und Kämpferin. Es war mir ein Leichtes, für mich und meine Liebsten einzustehen. Doch ich war noch Dein Kind – ein Kind.
Alles, was ich zu diesem Zeitpunkt war und was ich erreicht hatte, fiel wie Asche in sich zusammen, denn Du, meine Göttin, bist gegangen. Du hast Deine warmen Hände, die ich noch heute auf meinen Wangen spüre und Deine zärtlichen Umarmungen, Dein Lächeln, Deinen Geruch, Deine schöne Stimme und Deine ganze „Wenigkeit“, wie Du sie immer nanntest, mitgenommen. Deine Wenigkeit war ALLES für mich.
All die Wärme wich aus mir heraus. Es wurde lange kalt und dunkel in mir. Die Welt da draußen fand ohne mich statt. Ich wurde so müde. Ich wollte mich hinlegen und nie mehr aufstehen. Aus Aktion wurde Reaktion, aus Leben wurde Überleben. Der Schmerz kam mit einer Wucht, die mich so zerriss, dass nichts mehr von dem agilen, starken und selbstsicheren Menschen, der ich war, übrigblieb. Ich war ein wandelnder Geist mit einer weinenden Seele und einem schmerzverzerrten Körper. Ich war dem Niedergang geweiht und musste hilflos meinem Verfall zusehen. Existenzängste, Versagensängste, Alpträume, Ohnmacht und Leere umkreisten mich dauerhaft. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem nichts mehr ging und mir nichts und niemand da draußen hätte helfen können. Es war tiefste Trauer.
Alles, was mich ausmachte, war mir plötzlich völlig fremd, ich verlor mich. Denn als sich Deine Augen schlossen, waren meine Augen noch blind und meine eigenen Wertvorstellungen noch nicht geboren. Ich sah mich in einem Luftballon davonfliegen in die Dunkelheit. Ich wollte kämpfen und aufstehen, ich hasste diese Schwäche und das Gefühl, nicht mehr über mein Leben und meine Energie bestimmen zu können. Ich war wie ferngesteuert. Manchmal musste ich mir stundenlang gut zureden, um die Wohnung verlassen zu können. Es fühlte sich an, als müsste ich draußen blind über spitze Steine kraxeln.
Ich wusste nur eins, der Tod gehört zum Leben dazu. Ich musste da durch und ich musste geduldig sein. Also wartete ich und überlebte irgendwie jeden kommenden Tag. Ich ertappte mich ewig sitzend und in die Leere starrend und wusste, dass ich keine Wahl hatte.
Um jemals und auf schnellstem Wege wieder zu mir zu finden, blieb mir nur der eine Weg. Ich musste der Traurigkeit die Tür öffnen, sie hereinlassen, sie umarmen, ihr Verständnis entgegenbringen, ihr Gutes tun und ihr die nötige Zeit geben um sie dann, wenn es denn endlich soweit war, wieder gehen zu lassen. Und das tat ich. Lange noch ging es mit mir weiter bergab. Ich nahm es hin, die Ängste wurden kleiner. Bald war mir alles egal. Auch ich starb, trotzdem mein Herz schlug. Trauer hat kein Zeitfenster.
Mama, Du warst mein Wattebausch, mich warm und weich umhüllend. Nun musste ich diesen Platz einnehmen und anfangen, gut für mich zu sorgen und vor Allem, an mich zu glauben. Nach und nach, mit kleinsten Schritten und vielen Rückfällen in Schmerz und körperliche Schwäche, kehrte das Leben in mich zurück. Und als die Freude wiederkam, fühlte es sich an wie ein Wunder. Seitdem ist jeder Tag wie ein Wunder für mich. Ein Geschenk, was ich erblicke, wenn ich morgens die Augen öffne. Ich freue mich darauf. Und es ist nicht mehr schlimm, wenn mich die Trauer besucht, denn sie erinnert mich an Deine Existenz, an die wunderbare Zeit, die wir zusammen hatten. Sie erinnert mich daran, wie kostbar dieses Leben ist und wie kurz. Dann bin ich stolz und glücklich.
Mein Blick geht nach vorne. Ich fühle mich wieder lebendig, nur anders. Weil ich nun endgültig herausgewachsen bin aus dem Kind meiner Mama. Ich sehe die Welt nun mit eigenen Augen und habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen.
Mama, ich will Dir sagen, mach Dir keine Sorgen um mich. Ich bin nun ich selbst. Ich weiß jetzt, was es bedeutet, erwachsen zu sein.
Ein Lied, was von Dir sein könnte: Das von DOTA vertonte Gedicht von Mascha Kaléko „Sozusagen grundlos vergnügt“